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Pünktlich um 8 Uhr 30 morgens packten meine Freundin Uli und ich sämtliche Reisetaschen, Proviantpakete und natürlich unseren altbewährten Autoatlas in Ulis türkisen Renault Twingo, prüften die Benzinanzeige, kurbelten die Fenster runter und machten uns auf in die Bretagne. Da wir beide arme Studentinnen mit wenig Kaufkraft, aber dafür umso mehr Abenteuerlust sind, hatten wir uns für die Anreise per Autofahrt entschieden, was drei lange Tage fast ununterbrochene Autobahn mit wenig Pausen und doppelt so viel Benzinverschleiß bedeutete. Bereits am ersten Tag begannen besonders mir als Beifahrerin dank des vielen Sitzens bestimmte hintere Körperteile derart zu schmerzen, dass wir ungewollt bei der erstbesten deutschen Raststation Halt machen mussten und zum ersten Mal in den „Genuss“ von deftiger deutscher Großküchen-Küche kamen. Nicht zuletzt wegen des regelrecht im Fett schwimmenden Leberkäses und den matschigen „Bratkartoffeln“ des werten Hauses zogen wir mit verstimmten Mägen rasch weiter und suchten uns gegen 18 Uhr eine Bleibe in einem idyllischen Kleinstädtchen namens Grünstadt, wo wir bis zum nächsten Morgen um 10 Uhr blieben.
Bereits jetzt begannen sich bei Uli erste Anzeichen einer Erkältung abzuzeichnen, doch nachlässig, wie wir waren, hatten wir keine Medikamente mitgenommen. Der zweite Tag unserer Reise bot wenig Abwechslung – Autobahn. Doch immerhin befanden wir uns mittlerweile schon in Frankreich, was ungemein wohltuend auf unsere Gemüter wirkte, da wir noch immer die hetzenden deutschen Autofahrer gewohnt waren, die ständig versucht hatten, uns mit ihren BMWs, Audis und Mercedes von der Straße zu drängen. Gegen Abend erreichten wir Chartes. Bereits Kilometer zuvor konnte man die Kathedrale sehen, die mitten aus den grünen Feldern und Äckern hochragte wie ein gigantischer schwarzer Dorn. Nach einer etwas längeren Suche nach einem passenden Motel schlugen wir dort unser Nachtlager auf und standen am nächsten Morgen extra früh auf, um die Kathedrale zu besichtigen, eher die Reise weiterging.
Nachdem wir Paris mit allen seinen Tücken und Hinterlisten in Form von unverständlichen Straßenbeschilderungen und unkontrolliert ineinander verzweigten Ausfahrten hinter uns gelassen hatten, errichten wir am späten Nachmittag schließlich Dinan, eine ganz im bretonischen Stil gehaltene, zauberhafte Kleinstadt voller mittelalterlichem Flair, von wo aus wir nach einer kleinen Galette-Stärkung in unseren Heimatort, St. Samson sur Rance, aufbrachen. Zunächst verfuhren wir uns. Zum Glück fiel unser greller Twingo mit dem österreichischen Kennzeichen schnell aufm sodass im Nu eine ganze Traube an hilfebreiten Einheimischen um uns versammelt war und in einer Mischung aus Französisch, Englisch und Deutsch bestmöglich versucht hatte, uns den Weg zu erklären – sehr fremdenfreundlich, diese Bretonen. Unser für läppische 300 Euro pro Woche gemietetes, aus grauem Stein gebautes, rustikal anmutendes Haus, das im Grunde für vier bis sechs Personen gedacht war, bot uns sogleich den lang ersehnten Komfort, den wir nach drei Tagen Autofahrt und mehr oder weniger gemütlichen Übernächtigungen in verschiedenen Pensionen vermisst haben, und machte anhand von in weißer Vorrausicht bereit gestellten Prospekten auf dem Wohnzimmertisch sogleich Lust auf mehr.
Nach einer langen und gut verbrachten Nacht machten wir uns am nächsten Tag nach Dinan auf, um die Stadt samt beeindruckender Stadtmauer und natürlich dem zauberhaften kleinen Hafen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen – zum ersten Mal seit Chartes lief meine Digi-Cam auf Hochtouren. Hinterher beschlossen wir, angeregt durch ein interessantes Prospekt, uns La Fort La Latte anzusehen, eine monumentale mittelalterliche Küstenfestung mit wunderbarem Blick aufs azurblaue Meer. Trotz des starken Windes und Ulis zunehmenden Erkältungsbeschwerden meisterten wir den gut eine halbe Stunde dauernden Fußmarsch zur Klippe bravourös und genossen bei strahlendem Sonnenschein das beeindruckende Meerespanorama von den Zinnen der Steinfestung aus. Am nächsten Tag unternahmen wir einen etwas längeren Ausflug nach Dinard, einer Küstenstadt mit fast schon südländischer Atmosphäre, wunderten uns über die im eiskalten Meer badenden Franzosen und sahen uns nach einem kleinen Stadtrundgang das etwa eine halbe Stunde entfernt befindliche Schloss Combourg an. Obwohl die Führung an sich recht langweilig war (vermutlich lag dies daran, dass die Führerin ausschließlich auf Französisch sprach und nicht gewillt war, wenigstens einzelne Passage zu übersetzen), waren wir von der Architektur und den stilvollen Räumen samt mittelalterlicher Einrichtung des Chateaus sehr beeindruckt und schossen einmal mehr Unmengen an Fotos.
Am Abend war St. Malo an der Reihe, ein Muss für alle Bretagne-Besucher, da die Stadt abermals mithilfe von südländischen Prägungen und einem atemberaubenden weißen Strand beinahe nicht zu beschreibende Urlaubsstimmung erzeugt. Die Anzahl an Fischrestaurants war legendär. Mittwoch war unser Badetag. Wir verbrachten ihn ob des passenden Wetters und der Lust am Braunwerden am Strand von St. Luniére, nicht weit von Dinard entfernt, wo es zwar ein paar Verständigungsprobleme bezüglich des Auffindens des stillen Örtchens gab, dieses kleiner Intermezzo unsere Stimmung jedoch auf keinen Fall trüben konnte. Wohltuendes Sonnenbad wechselte mit erfrischendem, sauberem Meerwasser, und der ständige Wind vertrieb jedes Gefühl von Hitze, sodass wir am Abend mit ziemlich verbrannten Nasen ins Bett gingen. Am darauf folgenden Tag besichtigen wir Le Mont St.. Michel – der Höhepunkt unserer Reise. Trotz gesalzenen Eintrittpreisen und der kaum zu bewältigenden Herausforderung, einen Parkplatz zu finden, ist dieses Kloster ein Erlebnis, das man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte; nach langem, vielleicht auch etwas anstrengendem Aufstieg kamen wir in den Genuss einer beeindruckenden Klosterkapelle und verloren fast den Atem beim Anblick des einzigartigen Ausblicks über den Atlantik. Das Wasser schien lagunenblau zu sein, während sich zwischen und Ebbe und Flut Sandflächen auftaten, auf welchen man gut einen Kilometer aufs Meer hinausgehen konnte. Sensationell.
Obwohl wir nach der Klosterbesichtigung bereits müde und erschöpft waren, beschlossen wir, uns noch den Zauberwald von Brocéliande, wo angeblich Merlin, Morgana Le Fey und König Artus ein- und ausgegangen seien, anzusehen – die Enttäuschung war kolossal. Weder das aus ein paar Steinen und Ästen zusammengebaute „Grab des Merlin“, noch die niedrigen, äußerst jung wirkenden Bäume konnten uns in irgendeiner Form imponieren oder den Eindruck vermitteln, es handelte sich um einen Zauberwald, weswegen wir zum ersten Mal grimmigen Gesichts zurück ins Auto stiegen und heim in unser bretonisches Ziegelhäuschen fuhren. Den letzten Tag unseres Aufenthaltes verbrachten wir mit „Schock-Einkaufen“, sprich, wir gingen in den hiesigen Intermarché und kauften alles an französischen Spezialitäten ein, die im Twingo noch Platz hatten. Am Abend lauschten wir ein letztes Mal des Klängen des französischen Fernsehens, stiegen ein letztes Mal in die etwas zu kurzen Betten, frühstückten am nächsten Morgen ein letztes Mal auf der Terrasse unseres entzückenden, kleinen Heims.
Im Stillen, vollkommen Ruhigen hatte uns dieser Teil Frankreichs empfangen – im Stillen blieb er hintern uns zurück. Gerade erst an das geruhsame bretonische Tempo gewöhnt, trafen uns die ständig hupenden Autos auf den deutschen Autobahnen abermals wie ein Blitz. Unsere Heimfahrt war mit viel Regen verbunden, was eine gewisse geringe Geschwindigkeit unumgänglich machte, und dennoch kam uns beiden die Heimfahrt viel kürzer vor als die Hinfahrt. Au revoir, schöne Bretagne, bis hoffentlich auf ein andermal.
Hotelbewertungen, Reisebilder und Reisetipps für die Bretagne
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